Als neueste Erkenntnis der Wissenschaft stand neulich in der Zeitung, ihr werdet es nicht glauben: Großeltern dürfen verwöhnen. Oh, ihr meine drei erwachsenen Sprößlinge, wie gut habt ihr es doch für eure Kinder angetroffen. Jeweils zwei Großeltern-Paare nehmen regelmäßig Anteil am Geschehen rund um die Enkelkinder. Und ausgerechnet an meinem Geburtstag die neueste Erkenntnis, ich darf verwöhnen. Und wer verwöhnt mich? Meine Omma ist schon lange verstorben. Man könnte richtig neidisch werden auf eure Kinder, denn die haben jeweils zwei Großeltern-Paare, die alles daran setzen, euch und den Kindern was Gutes zukommen zu lassen. Ich hatte immer nur eine Omma zum Verwöhnen und habe ihre Liebe und Fürsorge so richtig genossen. Echte Großmütter dürfen sich auch kleine Spleens erlauben. Sie dürfen immer nach Uralt Lavendel duften oder nach einem anderen, damals bevorzugten Parfüm wie Tosca oder 4711 Echt Kölnisch Wasser. Das ist dann ihr Erkennungszeichen. Ich selbst habe auch eins, nämlich mein Faible für Hüte, die ich bei jeder Gelegenheit gerne trage. Als Kind schon habe ich die Hüte meiner Mutter vor dem Spiegel aufprobiert. Längst schon ist eine Erklärung der Schreibweise des Namens Omma fällig. Nette Großmütter, Omis und Omileins gibt es überall, aber meine Omma gab es nur einmal: in Dortmund, im Ruhrgebiet. Meine Omma – vor etwa 120 Jahren geboren - war eine stattliche Frau, ausgestattet mit einem großen weichen Busen, an dem man sich so richtig ausweinen konnte bei kummervollen Erlebnissen oder bei allzu großer Strenge der eigenen Mutter. Sie wohnte eine Etage über uns, in einer klitzekleinen Dachgeschoßwohnung mit einem Zimmer, in dem sie auch kochte, und mit einer kleinen Schlafkammer (direkt neben dem Aufstieg für den Schornsteinfeger aufs Dach), in die gerade mal so eben ein Bett hinein passte.
Ich habe Omma des Öfteren besucht, bin heimlich die schmale Stiege hoch gekrabbelt, in deren Biegung sich die einzige Wasserzapfstelle der Wohnung meiner Omma befand. Das weiche Sofa stand an der schrägen Außenwand und ich fand es besonders gemütlich. In einer Ecke stand etwas, das aussah wie ein Tisch. Es war eine versenkbare Nähmaschine. Ein besonders großer Küchenherd mit Wasserschaff stand auf der anderen Seite Über dem Herd war ein Trockengestell angebracht, direkt daneben ein Regal für Becher und Tassen, aber auch für Nippesfigürchen, eine Schachtel mit Figuren vom Winterhilfswerk, nutzlose Kleinigkeiten eben. Meine jugendbewegte Mutter, tat solche Fissematenten, wie sie die Schnörkeleien und Verzierungen an Bechern und Tassen nannte, als Staubfänger ab. Sie kam auch nicht so oft nach oben zur Omma, wie ich. Sobald ich Omma oben wulacken (arbeiten) hörte, war ich nicht mehr zu halten. Ohne meine Hilfe konnte Omma doch den Fußboden nicht wienern und auch nicht staubsaugen. Ich wurde auf dem Bohnerbesen durch die ganze Wohnung gezogen, das Linoleum war danach hochglänzend und nicht mehr wieder zu erkennen. Auf dem Staubsauger, der mit Kufen ausgestattet war, hatte ich meine ersten Reiterlebnisse und Zusammenstöße mit dem Kohlenkasten. Und hatte ich mal das so genannte heulende Elend, dann war meine Omma der ruhende Fels in der Brandung, ich konnte mich an ihrem großen Busen ausweinen und sie tröstete mich. Deshalb habe ich meine Omma so gern. Das so genannte Verwöhnaroma des Kaffees brauchte ich nicht, dafür hatte ich meine Omma. Zeit meines Lebens wollte ich so werden wie sie, die Mutter meines Vaters. Ob es mir gelungen ist?
Aufgeschrieben von Erika Widdershoven
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